1988 erschien im Verlag der Österreichischen Ärztekammer Wien ein unscheinbares kleines Büchlein in sehr schlechter Druckqualität: Arzt und Kranker – eine Begegnung von Norbert Stefenelli. Auf Seite 43 findet das Kapitel:

Hochverehrter und verfluchter Arzt
Der Braunschweiger Stadtarzt Heinrich Solde ist wahrscheinlich der Urheber eines 1525 erschienenen lateinischen Gedichtes, das den Wandel des Arztbildes in Abhängigkeit vom Krankheits- und Genesungsverlauf so klar und einfach ausgedrückt hat, dass es durch rund drei Jahrhunderte zitiert, abgewandelt und bildlich verarbeitet wurde.
In deutschen Reimen nach 1600:

Ein Arzt drei Angesichter hat: dem Engel gleich,
gibt er dem Kranken Rat.
Und hilft er ihm aus seiner Not,
dann gleicht er schon dem lieben Gott. Doch wie er nur um Lohn anspricht, hat er ein teuflisch Angesicht.

Nach Zeichnungen von Hendrik Goltzius ist 1587 in dessen
Werkstatt eine erweiterte Folge von 4 Kupferstichen dazu entstanden (Abb. 1-4). Der Zeichner hat offenbar auf Grund eigener reichlicher Erfahrungen mit dem Kranksein und mit Ärzten die angeführten Anregungen wesentlich ausgebaut und vertieft. Das erste Blatt zeigt den Arzt als Retter in höchster Not, als göttliches Wesen, dargestellt wie Christus medicus (105). Während des günstigen Krankheitsverlaufes erscheint der Arzt auf dem zweiten Blatt als Engel. Beider Genesung wird er auf dem 3. Blatt zum Menschen, nach dieser - wenn es um die Bezahlung geht auf Blatt 4 zu einem Dämon, einem Teufel. In jeweils zwei Räumen des Hintergrundes sieht man Arzte bei ihrer Tätigkeit am Kranken, bei einer chirurgischen und einer konservativen Behandlung.

Zusammen mit der beigegebenen Beschriftung sind die vier manieristisch beeinflussten Stiche ein eindrucksvolles Lehrbeispiel der Wandelbarkeit der Haltung des Kranken.
Als Einschränkung ihrer zeitlosen Gültigkeit ist anzuführen, dass heute eine schlechte Beurteilung des Arztes nach der Wiederherstellung der Gesundheit nicht nur mit der Bezahlung zusammenhängt. Eine solche kommt auch bei ehemaligen Kranken vor, die selbst nichts zu bezahlen haben. Bei diesen erscheint sie wie eine feindselige Haltung demjenigen gegenüber, der den Kranken in seiner ganzen und für ihn peinlichen Schwäche und Hilflosigkeit erlebt hat .


Abb.1 Kupferstichfolge über den ärztlichen Beruf nach
Zeichnungen von Hendrik Goltzius aus dessen Werkstatt, 1587
Der Arzt als Gott
 

Abb.2 Kupferstichfolge über den ärztlichen Beruf nach
Zeichnungen von Hendrik Goltzius aus dessen Werkstatt, 1587

Der Arzt als Engel
 

Abb.3 Kupferstichfolge über den ärztlichen Beruf nach
Zeichnungen von Hendrik Goltzius aus dessen Werkstatt, 1587

Der Arzt als Mensch
 

Abb.4 Kupferstichfolge über den ärztlichen Beruf nach
Zeichnungen von Hendrik Goltzius aus dessen Werkstatt, 1587

Der Arzt als Teufel
 

Mein Kommentar:
400 Jahre vor Balint www.balintgesellschaft.de hat ein Kollege auf geniale Art den Wechsel in der Arzt – Patient – Beziehung dargestellt. Für mich war diese Erkenntnis immer sehr hilfreich:

Wenn ein Patient sich nach einer langen, schwierigen und erfolgreichen Behandlung von mir abwendet und nichts mehr mit mir zu tun haben will, so kann dies einfach daran liegen, dass er nun von der Krankheit - mit allem drum und dran , inklusive Arzt - nichts mehr sehen und hören will. (Eine sicherlich sinnvolle und gute Maßnahme für den Patienten).
 

Wenn ich nach einer gelungenen Reanimation (oder ähnlichen Aktionen) für einige Minuten wie ein Gott oder Engel dastehe, mache ich mich sehr schnell wieder zum „Menschen“ – ich will ja schließlich nicht noch zum Teufel werden müssen.

e.l.