Placebos: Ohne Risiken und Nebenwirkungen
Die Pillen ohne Wirkstoff haben oft denselben Effekt wie echte Medikamente - oder eine Arztvisite. Lange von der Schulmedizin als unseriös abgetan, werden sie jetzt rehabilitiert

Wunden schmerzen, aber manchmal tun sie auch wohl. Das hat Dr. Bruce Moseley nach ein paar hundert Operationen gelernt. Er war Arzt der amerikanischen Basketball-Nationalmannschaft; und wenn er nicht gerade mit den Sportlern um die Welt flog, kümmerte er sich als Orthopäde in Houston, Texas, um ausgerenkte Schultern und verschlissene Knie. Viele seiner Patienten quälte die Arthrose - ein Schmerz, der entsteht, wenn sich der Knorpel im Kniegelenk allmählich abreibt und scheuert. Dann war es für Moseley Zeit für eine Operation. Er schnitt das Gelenk auf, spülte den Abrieb aus und glättete den Knorpel mit einer Fräse.

Die Hoffnung heilt
Eine Expertin für Qualitätskontrolle an Mosleys Krankenhaus verwirrte dem Arzt mit einer Frage: "Was macht Sie so sicher, dass es überhaupt auf Effizienzverbesserung ankommt?" Moseley antwortete: "Eine viertel Million Amerikaner unterziehen sich dem Eingriff jedes Jahr. Fast allen geht es hinterher besser. " Die Replik der Expertin: "Ich sage es einem so erfahrenen Chirurgen nicht gern, aber das ist oft gar nicht entscheidend. Nichts regt die Fantasie der Menschen so sehr an wie die bloße Vorstellung, operiert worden zu sein. Haben sie sich schon einmal überlegt, ob allein die Hoffnung den Schmerz nehmen kann?"


Ärzte sind "wandelnde Placebos". Richtet sich die
Aufmerksamkeit bei der Visite auf den Patienten,
geht es diesem meist augenblicklich besser

Bestätigung im Experiment
Von da an bat Moseley neue Patienten, sich an einem außergewöhnlichen, doch ungefährlichen Experiment zu beteiligen. Wer einwilligte, wurde am Tag des Eingriffs in steriler Kleidung in den Operationssaal gerollt. Wenn alles vorbereitet war, öffnete Moseley, für den Kranken unsichtbar, einen versiegelten Brief. Darin stand, ob er tatsächlich operieren sollte. Wenn ja, setzte er die übliche Prozedur fort. So geschah es bei der Hälfte aller Kandidaten - festgelegt durch jene von Ärztekollegen geschriebenen Briefe, um auszuschließen, dass Moseley sich bewusst oder unbewusst nur Kandidaten mit besonders großer Heilchance aussuchte.

Raffiniertes Theater im Dienste des Kranken
Sah das zuvor festgelegte Auswahl-Protokoll keine Operation vor, bekam der Betreffende ein starkes Beruhigungsmittel, und Moseley machte ein paar oberflächliche Schnitte ins Knie, damit hinterher eine Operationswunde zu sehen war. Das Bein wurde ein bisschen gedehnt und gestreckt, schließlich goss ein Assistent Wasser in einen Eimer - es sollte sich so anhören, als würde ein Gelenk ausgespült. Reine Vorsicht für den Fall, dass der Patient doch etwas mitbekäme, weil er ja nicht so tief narkotisiert war.

Reale Wirkung einer Scheinoperation
Nach dem Erwachen schickte Moseley alle Patienten mit einem Mittel gegen den Wundschmerz nach Hause. Niemand erfuhr, was mit seinem Gelenk wirklich geschehen war. Das spielte auch gar keine Rolle: Noch zwei Jahre später waren so gut wie alle Patienten, ob operiert oder nicht, mit dem Eingriff hochzufrieden. Viele, die vorher vor Schmerzen kaum mehr hatten gehen können, liefen wieder munter umher. Bis heute hat Moseley mehr als 180 Kniekranke nach diesem Verfahren behandelt. Seine Untersuchung, abgeschlossen vor wenigen Monaten, ist die größte je unternommene Studie über Scheinoperationen.

Was Eindruck macht, hilft
"Placeboeffekt" heißt solche Besserung durch eine nur vorgetäuschte Therapie. Placebo ist Latein und bedeutet "ich werde gefallen". Der Patient möchte genesen, der Arzt tut ihm den Gefallen einer Behandlung, weckt dessen Hoffnung. Keine Pille, keine Spritze und keine Operation ist, so wird inzwischen angenommen, gänzlich frei von Placebowirkungen. Wenngleich es die Anhänger einer rationalen Heilkunde ungern wahrhaben wollen: Selbst im Zeitalter von gentechnisch erzeugten Medikamenten und computergesteuerter Chirurgie - und vielleicht sogar mehr denn je - hilft Medizin auch dadurch, dass sie den Patienten beeindruckt.

Placebos schneiden im Vergleich gut ab
Das haben unzählige Studien gezeigt, in denen Schmerzmittel, Antidepressiva oder Blutdrucksenker im Vergleichstest gegen Scheinmedikamente aus Mehl oder Zucker getestet wurden. Die Ergebnisse fallen oft denkbar knapp aus: Geben Ärzte jeweils 100 Patienten eine echte Pille, geht es hinterher beispielsweise 50 von ihnen besser. Bekommt eine andere Gruppe von ebenfalls 100 Patienten mit demselben Leiden ein Placebo, reagieren 40 positiv. Das Präparat mit dem Wirkstoff schlägt also etwas öfter an, doch der Unterschied ist relativ klein.


An Probanden testen Pharmafirmen, ob eine
Neuentwicklung besser wirkt als ein Placebo

Placebos sind echte Allrounder
Wenn aber Placebos offenbar die Leiden so vieler Menschen lindern: Wird da nicht ein wertvolles Heilmittel von der Medizin einfach verschenkt? Und ließe sich dieser Effekt nicht auch nutzen, um herkömmliche Therapien wirksamer zu machen? "Placebos sind außergewöhnliche Mittel", sagt der kanadische Mediziner Robert Buckman. "Sie scheinen auf fast jedes bekannte Symptom Einfluss zu nehmen, und zwar bei mindestens einem Drittel aller Patienten. Sie haben keine echten Nebenwirkungen und können nicht zu hoch dosiert werden. Kurz, sie sind die anpassungsfähigsten, wirksamsten, sichersten und billigsten Medikamente."

Krankheiten, über die man nichts weiß
Therapien ohne spezifische Wirkung werden verordnet, seit es Ärzte gibt. Für die längste Zeit in der Medizingeschichte erklärte sich das Verfahren aus der Unwissenheit der Behandelnden über den menschlichen Körper. Auch wenn er dem Selbstverständnis der Mediziner noch nie entsprach, kam doch der Spott des französischen Philosophen Voltaire der Wahrheit ziemlich nahe: "Ärzte geben Medikamente, über die sie wenig wissen, in Menschenleiber, über die sie noch weniger wissen, zur Behandlung von Krankheiten, über die sie überhaupt nichts wissen."

Auch Geistheiler bedienen sich des Placeboeffekts
In Afrika schicken Angehörige psychisch Kranke noch heute zum Schamanen, um die Geister austreiben zu lassen. In Ghana beispielsweise werfen die Heiler dann ein totes Huhn in die Luft. Fällt es auf den Bauch, sind die Geister besiegt; der Patient wird als gesund entlassen - und ist es oft wirklich. Solche wundersamen Wirkungen des Geistes auf den Körper entziehen sich mittlerweile auch nicht mehr der Erforschung durch die Wissenschaft. Vielmehr zeigt die moderne Neurobiologie schon seit ein paar Jahren, dass Hoffnung und Vorstellungskraft sehr messbar den Organismus beeinflussen können.

Placebo und Schmerz
Am besten untersucht sind die Effekte von Placebos auf Schmerz. Der Turiner Neurologe Fabrizio Benedetti ist ein Pionier dieser Forschung. Mit einem einfachen, aber raffinierten Versuch hat er bewiesen, dass ein Scheinmedikament weit mehr Besserung bringen kann, als wenn man eine Krankheit einfach ihren natürlichen Lauf nehmen ließe. Nach einer Lungenoperation bekamen die Patienten ein echtes, hochwirksames Schmerzmittel gespritzt, wann immer sie es wünschten. Zusätzlich aber hängten die Schwestern sie an eine Infusionsflasche, aus der Kochsalzlösung in ihre Venen tropfte. Manche Patienten erfuhren darüber die Wahrheit. Diese Genesenden erlebten nur die natürliche Besserung, für sie gab es keinen Placeboeffekt. Andere Patienten wurden absichtlich im Unklaren gelassen, was in der Flasche sei. Dritten schließlich erklärten die Schwestern die Infusion als einen neuartigen Wunder-Schmerzkiller.

Körpereigene Opioide stillen den Schmerz
Benedetti ließ genau aufzeichnen, nach wie vielen schmerzstillenden Spritzen die einzelnen Kranken verlangten. Das Ergebnis: Je eher die Betroffenen Grund zu der Annahme hatten, dass die Infusion ihre Schmerzen lindern würde, desto weniger echtes Medikament brauchten sie. Ohne es zu wissen, profitierten diese Patienten von einem uralten Programm der Natur. Das Gehirn kann nämlich auf natürliche Weise Hormone herstellen, die den Schmerz abschalten: die Opioide, welche chemisch dem Opium ähneln.


Adrenalin erhöht den Blutdruck (A).
Erhält der Hund ein blutdrucksenkendes
Mittel (B), ertönt dabei jedesmal ein Signal.
Er lernt, dass Spritze, Ton und fallender
Blutdruck zusammengehören. Bald ist das
Tier so konditioniert, dass sein Blutdruck
sogar dann fällt, wenn ihm Adrenalin (C)
verabreicht wird.

Nicht immer helfen Placebos
Gegen Schlaflosigkeit, Magengeschwüre, Herzkrankheiten und Depressionen können Placebos ebenfalls helfen. Generell nützt ein Scheinmedikament umso mehr, je enger ein Leiden mit der Wahrnehmung des Patienten zusammenhängt: Schmerz, Schlaflosigkeit und Melancholie entstehen im Kopf. Dennoch wirken Placebos darauf nicht immer gleich gut. Optimismus kann kurze Depressionen vertreiben; hat sich die Niedergeschlagenheit aber erst einmal über mehrere Monate verfestigt, ist ihr mit Placebos kaum mehr beizukommen. Gegen anhaltende Depression helfen nur echte Medikamente.

... ohne Nebenwirkungen?
Allerdings ist das Bild vom Placebo als Behandlung ohne Schattenseiten, wie es etwa der zitierte kanadische Mediziner Buckman sieht, nur ein Traum. Bei klinischen Versuchen klagen zwischen zehn und 40 Prozent der Patienten, die Zuckerpillen oder Spritzen mit Kochsalzlösung bekommen, über Nebenwirkungen. Sie leiden unter Mundtrockenheit, Benommenheit, Übelkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, Appetitlosigkeit, Schweißausbrüchen und Sehstörungen. Solche Erlebnisse sind umso heftiger, je genauer sich ein Kranker über die Nachteile des vermeintlichen Medikaments informiert hat.

Kulturelle Unterschiede
Nicht nur der Patient muss richtig eingestimmt sein, auch das kulturelle Umfeld sollte mit der Therapie harmonieren. In Deutschland lassen sich 60 Prozent aller Magengeschwüre mit Placebos heilen, brasilianische Mägen dagegen sprechen so gut wie gar nicht auf die Scheinmedikation an. Dafür ist es in Deutschland, anders als sonst auf der Welt, so gut wie aussichtslos, Bluthochdruck mit Placebos beikommen zu wollen.

Vertrauen wirkt
Vertrauen ist das größte Kapital der Medizin. Ohne Vertrauen ist jede Therapie schon deswegen wertlos, weil der Patient die Ratschläge seines Arztes nicht lange befolgen wird. Je besser Ärzte es verstehen, bei Kranken Zuversicht zu wecken, umso schneller und mit umso weniger Schmerzen werden ihre Patienten gesund. Wie der Therapieforscher Jos Kleijnen von der Universität York vor kurzem in einer Vergleichsstudie gezeigt hat, erzeugt schon die Tonlage, in der ein Zahnarzt mit dem Menschen im Behandlungsstuhl spricht, einen Unterschied. Besonders erfolgreich sind Ärzte, die Einfühlungsvermögen mit klarer Information verbinden und dabei den Patienten Wahlmöglichkeiten geben.

Der Glaube aktiviert die Selbstheilungskräfte
Auch der Placeboeffekt setzt auf Vertrauen. Schöpft der Kranke Hoffnung, regt er seine Selbstheilungskräfte an - und sein Leiden wird besser erträglich. Placebos sind eine Krücke. Sie funktionieren, weil wir an die Wirkung von Operationen, Spritzen und Pillen glauben. Wir bräuchten sie nicht, würden wir die Fähigkeit unseres Körpers, mit Krankheiten fertig zu werden, höher einschätzen.

Fragwürdige Apparatemedizin
Von hoch entwickelter Medizin umsorgt, haben wir dieses Vertrauen verlernt. Und die Medizin hat verlernt, dass sie nicht nur die Wissenschaft vom Heilen ist, sondern auch Heilkunst. Zu Recht scheut die Forschung keinen Aufwand, um die Techniken der Diagnose und der Therapie zu verbessern. Viel weniger Beachtung findet der Umgang mit den Menschen, denen damit geholfen werden soll. Dahinter steht das Bild unseres Körpers als einer Maschine, von der Geist und Gefühle abgekoppelt sind. Die akademische Medizin versteht Krankheiten als Folge von Defekten im Leib, die es zu beheben gilt. Das Erleben des Patienten kommt in dieser Auffassung nicht vor.

Eine Chance für die Schulmedizin
Placebos können und sollen Wirkstoffe und Operationen nicht ersetzen. Kein verantwortungsvoller Arzt wird seinen Patienten den Schatz der modernen Medizin vorenthalten und sie mit Zuckerpillen, Elektroakupunktur und Kräuterkuren abspeisen. Vielmehr werden die Erkenntnisse über den Placeboeffekt helfen, die naturwissenschaftlich begründete Medizin weiterzuentwickeln. Denn Heilung entsteht am ehesten beim Zusammenkommen von Wirkstoff und Glauben an seine Wirkung. Das ahnte schon Plato: "Das Heilkraut ist ein ganz bestimmtes Blatt. Aber zur Arznei gehört auch ein Zauberspruch", schrieb der Philosoph. "Wer gesund werden will, muss ihn aufsagen. Ohne Zauber ist das Blatt wirkungslos."

Quelle:
www.geo.de/GEO/medizin_psychologie/2003_09_GEO_placebo/